Ausstellung „Die Kunst von Henrique Lemes – 32 Jahre Farbholzschnitt“

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Datum: 08.11.2013 bis 08.03.2014
Ort: Galerie ARAUCO, Trödelmarkt 13, 90403 Nürnberg
Veranstalter: Arauco
Internet: http://www.arauco.de
Eintritt: frei

„Bem te vi! – Gut, dich zu sehen!“

Zur Arbeit des brasilianischen Holzschneiders Henrique Lemes

Henrique hat, was man einen „migrantischen Hintergrund“ nennt. Seit er aus Brasilien nach Deutschland kam, lebt er in Bremen, im Ostertor-Viertel, einem bunt gemischten Stadtquartier, das man einfach „das Viertel“ nennt. Hier wohnen alte und junge, gebürtige neben zugezogenen, ausländische neben alteingesessenen Bremern. Als ich Henrique vor zehn Jahren kennen lernte, war sein Deutsch noch nicht so gut wie heute, aber seine Bilder hatten schon etwas „Europäisches“. In den Bilder-Vorrat, den er aus der „Neuen Welt“ mitgebracht hatte, mischten sich bereits unübersehbar die Ansichten der „alten Welt“. Ihm, dessen Heimat ein für Europäer exotisches Land ist, waren die Traditionen der Moderne, Expressionismus oder Surrealismus nicht fremd. Doch er setzte sich den Herausforderungen aus, ohne seine kulturellen Wurzeln zu vergessen. Freilich fehlten ihm die satten, schweren Farben der Erde Brasiliens, und genau deswegen wohl schmuggelte er sie nun in seine Holzschnitte. Das gefiel ihm!

Vielleicht ist ja Henrique auch deswegen in Bremen geblieben, weil die noch so junge Stadt Uberlândia im Bundesstaat Minas Gerais, wo er 1960 geboren wurde, fast ebenso groß ist wie die alte Hansestadt. 1981 ging Henrique nach Rio de Janeiro. Dort lernte er den klassischen brasilianischen Holzschneider Ciro Fernandes kennen. Er sah dessen Arbeiten und wusste sofort: Ich will Holzschneider werden. Ciro gab ihm ein paar Holzplatten und sagte: Schau dich um und such dir ein Thema, das schneidest du ins Holz. Wenn du fertig bist, komm wieder, ich will es mir ansehen. Dann kann ich dir sagen, ob du ein geborener Holzschneider bist oder nicht. Henrique sah eine Frau mit einem Papagei am Balkon gegenüber seiner Wohnung. Da dachte er: Das ist mein Thema! Er schnitzte die ganze Nacht lang, was das Zeug hielt und packte im ersten Überschwang alles hinein, was er übers Holzschneiden wusste. Als er stolz mit seiner Platte in die Werkstatt zurückkam, schob Ciro Fernandes sie durch die Presse, betrachtete sich das Ergebnis, kratzte sich hinterm Ohr und sagte: Du hast dir zu viel Arbeit gemacht. Weniger wäre mehr. Holz ist spröde und arm, es verträgt keinen überladenen Pomp. Schneide nicht ins Holz, was du weißt, sondern ganz einfach, was du fühlst. Henrique kehrte nach Hause zurück und schnitt die Frau und den Papagei auf dem Balkon noch einmal. Diesmal mit viel Gefühl und wenig Ehrgeiz. Am Schluss kam ein schlichtes, klares Motiv zum Vorschein. Als sein Meister das abgezogen hatte, sagte er zunächst nichts. Dann rief er seine Frau: Schau dir diesen Holzschnitt an. Aus dem jungen Mann könnte ein guter Holzschneider werden! Er behielt den Probeabzug und schenkte ihm dafür zwei seiner alten Stichel. Henrique besitzt und benutzt sie bis heute. Auch das alte, wunder glatt polierte Rundholz, mit dem er jedes seiner Blätter im Handabzug druckt, stammt noch aus der Werkstatt des Meisters, Ciro Fernandes.

Inzwischen hat Henrique Lemes seine Technik sehr viel weiter entwickelt. Doch er braucht dafür kein High-Tech-Studio. Als ich seine kleine Wohnung im 1. Stock eines Altbremer Hauses betrete, begrüßt er mich mit den Worten: Entschuldige, dass es so eng ist, aber ich wohne in meiner Werkstatt! Irgendwo zwischen Stapeln von meterhohen Holzplatten schaut sein Bett heraus, in der engen Küche stapeln sich Farbtöpfe neben Gewürzen, Kaffeedosen und Keramikgeschirr. Auf dem Tisch ist zwar viel Platz, doch im Handumdrehen ist er bedeckt mit großen Farbdrucken, die Henrique aus überfüllten Regalen und diversen Rollen hervorzieht. Als ich seine Arbeiten vor zehn Jahren zum ersten Mal sah, waren sie mir fremd, sie bescheiden, ihr Farbauftrag war samtmatt, die Töne erdfarben, die Motive wie auf alten niedersächsischen Bauerntruhen. Die Schlichtheit des Ausdrucks hat er sich bewahrt, doch inzwischen nutzt Henrique sichtlich mehr Möglichkeiten, um die Lebendigkeit der Kontraste der Farben hervorzulocken. Auffällig ist das satte Blauschwarz, das ihm als Basis dient. Für jedes Bild schneidet er eine Matrize, die allein dieser Grundfarbe vorbehalten ist. Darauf arbeitet er dann mit einer zweiten Platte weiter. Diese Matrize erhält die Formen des Motivs. Immer und immer wieder werden sie übereinander gedruckt, von Rot und Hellblau über Grün bis zu Ocker und Hellgelb. Also, vom Dunklen ins Helle! Von herbstlichen Kürbissen über Malachit zu Türkis, von Zucchini bis Honigmelone. Henrique bearbeitet allerdings die einmal geschnittenen Druckformen mit Wattetampons, dergestalt, dass er die Farbzonen auflockert und immer wieder neue Binnenformen schafft, durch welche die darunter liegenden Farben in je anderer Gestalt sichtbar werden, Licht und Schatten bilden, durchsichtig oder reich opak aufscheinen. So erforscht Henrique nicht nur die Farben, sondern auch ihre Materialität, das Vorne und Hinten, die Räumlichkeit ihrer Wirkung. Und immer wird alles durch den tiefblau-gläsernen Grund zusammengehalten: Sei es eine dynamische Fußballmannschaft oder eine bequeme Cafehaus­gesellschaft, sei es ein mürrischer Kellner mit einer schwankenden Säule Geschirr auf dem Tablett oder ein erstaunter Herr, der einen ebenso erstaunten Fisch in seinem zusammengefalteten Schirm entdeckt.

Geblieben sind Henrique Lemes seine aus der Heimat mitgebrachten Tiere: Hier ein Hund, dort ein Vogel, da ein Fisch, selbstverständlich im Dialog mit den Menschen. Jedes Blatt wird zu einer Arche Noah, wo die Kreaturen sich achten und schätzen, behutsam miteinander umgehen, sich fröhlich – wie am ersten Tag der Schöpfung – gegenseitig betrachten: „Bem te vi!“ So heißt ein Bild mit einem der farbenprächtigen brasilianischen Amselvögel, die auf vielen von Henriques Blättern ihren Spott treiben. Der Vogelname „Bem te vi“ bedeutet soviel wie: Gut, dich zu sehen – dies ist die Botschaft fast aller Bilder Henriques, immer spielen die Augen die Hauptrolle: Hart eisblau oder warm und weich dunkelbraun. Alle schauen einander an, versinken in ihren Blicken, seien es Fischer oder Bauern, Intellektuelle oder Sportler – oder Liebespaare… Die Augen sind es, die seine Geschichten erzählen.

Als Henrique noch ein Kind war, erzählte die Mutter ihm zum Einschlafen Geschichten. Er drehte sich dann zur Wand, und sein Blick fiel auf den nahen, rauen Putz, der ihm wie eine Landschaft vorkam. Wenn Henrique ein wenig mit dem Fingernagel auf der weiß getünchten Fläche herumkratzte, kam der dunklere Putz zum Vorschein. Und während er mit den Ohren die Märchen der Mutter einsaugte, wurde ihm die Wand zur Augenweide. Immer mehr Linien kratzte er hinein, sodass ganze Landschaften, tierische Paradiese und wimmelnde Dörfer entstanden.

Diese mütterliche „Lust am Fabulieren“, von der auch Johann Wolfgang Goethe spricht, hat Henrique bis heute nicht verloren. Und so ist es kein Wunder, dass er auch das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten kennen und lieben gelernt hat. Die tierischen Bremer halten eine fast mannshohe Holzschnittserie zusammen, die Henrique gerade für die Bremer Genussmittel-Firma Berthold Vollers fertig gestellt hat: Erstes Thema ist natürlich der Kaffee. Von den Pflückern der Bohnen des Kaffeebaumes bis zur Verkostung der gerösteten Ware durch bremische Kaffee-Experten wandert der Blick, und wirklich, wenn man genau hinsieht, findet man ihn, versteckt zwischen Kisten und Stauden: den faul zusammengerollten Hund aus dem Märchen! Der zweite Druck ist der Produktion des Kakaos vorbehalten, und siehe, mitten im Gewirr ums Ernten und Verfeinern der Kakao-Kirschen, im Gedränge der Pflücker und Verwerter: ein farbenprächtiger, stolzer Hahn! Das dritte Bild wimmelt nur so von heiter hin getupften Baumwollfasern, die sich – unter den kundigen Händen der Pflücker und Spinner – fast wie von selbst immer weiter entwickeln bis zum fertigen Baumwollfaden. Man braucht kaum zu suchen, um die Grimmsche Katze zu entdecken, die mit einem weißen Knäuel spielt! Den Abschluss bildet die Geschichte des Tees: Auch ihn schildert Henrique von der Teepflanze bis zum Genussmittel, fertig zum Verkauf – eine ineinander greifende Kette von Fähigkeiten und Handfertigkeiten. Der Esel, den Henrique in diesen Ernteprozess eingeschmuggelt hat, wirkt nun seinerseits geradezu exotisch. Er war es, der Hund, Katze und Hahn nach Bremen lockte, mit dem weisen Wort: „Etwas besseres als den Tod findest du überall!“

Der brasilianische Holzschneider Henrique Lemes, der im Gegensatz zu den Stadtmusikanten wirklich in Bremen – und sogar im legendären „Viertel“ – angekommen ist, hat hier nicht nur „etwas besseres als den Tod gefunden“, sondern einen Lebens- und Arbeitsplatz, der es ihm erlaubt, in seinen prächtigen Bildern die Erinnerungen an seine Heimat mit den Genüssen der ganzen Welt zu vermischen. Nach dreißig Jahren Holzschneide-Praxis zieht Henrique mit dieser Ausstellung eine Zwischenbilanz.

Rainer B. Schossig,

Radio-Journalist und Kunstkritiker in Bremen


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